
Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin
Nachdem nun in Funk und Fernsehen ordentlich über die Frage bzw. die Pläne der EU-Kommission und den Forderungen des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVWM) ein generelles Rauchverbot am Arbeitsplatz einzuführen, debattiert wurde, will ich mich jetzt auch zu Wort melden…
Als ehemalige Raucherin sehe ich mich als besonders kompetent, diese Frage zu beantworten
Was das Rauchen angeht, war ich schon immer ziemlich drastisch. Ich sah es als „freie Entfaltung meiner Persönlichkeit an“, wenn mich jemand zum Beispiel auf dem Schulhof nur wenige Zentimeter neben der deklarierten Fläche tadeln wollte. Und gerade am Anfang meines rauchfreien Daseins nahm ich auch hier fast eine fundamentalistische Haltung gegenüber dem Rauchen – nur eben in die entgegengesetzte Richtung ein. Mittlerweile hat sich das etwas gebessert, aber ich habe immer noch eine – für die meisten Raucher – ziemlich krasse Meinung zum Schmauchen.
So sehe ich es beispielsweise als Körperverletzung an, wenn man zum Beispiel in kleinen Räumen dem Rauch ausgesetzt wird. Aber das nur nebenbei…
Früher, bei meiner Arbeit als Altenpflegerin war ich froh über jede Kippe, die ich während meiner Pause rauchen konnte, da der Alltag teilweise einfach nur stressig war. Ich muss dazu sagen, dass es am Anfang meiner „Karriere“ in dem Heim, in dem ich arbeitete, keine besonderen Regeln gab. Wer seine Arbeit getan hatte, durfte rauchen. Dann sah es aber meist so aus, dass man nach jeder zweiten Person, die man „fertig gemacht hatte“, eine dampfen ging. Das tolerierte die Chefetage verständlicherweise irgendwann nicht mehr. Eine normale Frühschicht sah so aus: die Bewohner waschen, anziehen, dann Essen austeilen und anreichen. Die Leute frisch machen oder mit ihnen zur Toilette gehen. 30 Minuten Pause. Und in der wurde Kaffee getrunken und reichlich geraucht. Und mit jeder Zigarette fiel ein bisschen von dem Stress ab. Dann ging es weiter: frisch machen, Toilettengänge, Essen austeilen und anreichen. Frisch machen Toilettengänge, Übergabe an die nächste Schicht, Feierabend -> Rauchen.
Jetzt aber wieder zum eigentlichen Thema…
+ = Pro; - = Kontra; = = Lösungsvorschläge
- + Es fördert die Gesundheit des Arbeitnehmers (AN). Es ist mittlerweile mehr als erwiesen, dass Rauchen der Gesundheit nicht besonders zuträglich ist. So sind AN bis zu 40% (je nach Studie) öfter krank, als Nichtraucher (NR).
- + Es schont den Geldbeutel des Arbeitgebers (AG), da Raucherpausen oft nicht als Pausen deklariert werden und diese Zeit bezahlt wird. Das kostet Unternehmen jährlich Milliarden. Auch weil es oft nicht nur 5 Minuten sind, sondern nach der Kippe noch so weiter gequatscht wird.
- + Es schont den Geldbeutel des Arbeitgebers (AG), da (siehe oben) Raucher öfter krank sind.
- + Es schont den Geldbeutel der Krankenkassen, da (siehe oben) Raucher öfter krank sind.
- - Es ist unfair den Nichtrauchenden Kollegen gegenüber, die währenddessen an ihrem Arbeitsplatz (AP) weiter ihrer Arbeit nachgehen.
- - Ich habe es schon mehrfach gehört, dass Raucher rauchen dürfen. Wenn aber ihre Kollegen währenddessen bei einem kleinen Schnack „erwischt“ werden, dann werden sie aufgefordert, das zu unterlassen.
- - Es würde den Staat Millionen, wenn nicht Milliarden kosten, wenn die vielen Zigaretten am Arbeitsplatz wegfallen oder die AN deshalb gar beschließen würden, ganz mit der Qualmerei zu brechen.
- + Es fördert soziale Kontakte innerhalb der Mitarbeiter, denn die wenigsten gehen alleine eine durchziehen.
- + Man würde es einem AN niemals erlauben, während der Arbeitszeit einen Joint zu rauchen, ganz zu schweigen davon, dass er es außerhalb der Pausen dürfte. Das gleiche gilt für Alkohol oder andere Drogen. Und um es in aller Deutlichkeit zu sagen: auch Nikotin ist eine Droge. Es sind Stimulantien, die das Bewusstsein mehr oder weniger verändern (ja, auch das ist eine krasse Meinung, aber so sehe ich es eben…).
- =Nichtraucher sollten einen Bonus, egal welcher Art erhalten. Die Helios-Klinik in Bad Schwalbach gibt den NR zum Beispiel einen zusätzlichen Urlaubstag. Vergleichsweise wenig, wenn man mal zusammenrechnet, was ein AN alleine an einem Tag an „Freizeit durch die Zigarette“ hat: gehen sie nur drei Mal außerhalb der regulären Pausen rauchen, so sind das an EINEM Tag 30 Minuten. Bei 20 Arbeitstagen macht das 600 Minuten, also 10 Stunden und damit arbeiten sie einen guten Arbeitstag weniger, als ihre Kollegen. Sind wir mal knickrich und rechnen die 30% Ausfälle durch Krankheit weg, dann sind es immer noch 420 Minuten, was genau 7 Stunden entspricht.Laut des BVWM gehen den AG im Jahr im Schnitt dadurch 2000€ verloren. Wobei ich diesen Betrag als zu niedrig angesetzt sehen. Das Geld könnte man den NR als finanziellen Bonus zu ihrem Gehalt auszahlen. Aber nicht alles auf einmal
, also umgelegt auf das Jahr. Mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld (13 Monate) würde das den Kollegen 153,84€ im Monat bringen.
- = Die Raucher „abstechen“ oder „abstempeln“ lassen. Das heißt, dass sie für die Zeit, die sie qualmen kein Arbeitsentgelt erhalten.
- = Ein ähnlicher Ansatz wäre, sie die Zeit nacharbeiten zu lassen. Dass sie also länger bleiben oder früher kommen. Aber auch hier müssten sie ihren AG über die Zeiten, in denen sie ihrer Sucht nachgehen, informieren.
- = Man könnte zusätzliche Pausen für alle einführen. Natürlich müsste dann auch jeder länger arbeiten. Dagegen ist zu halten, dass jede Pause die Konzentration abflachen lässt, die danach wieder aufgebaut werden muss. Außerdem soll es Leute geben, die effektiver arbeiten, wenn sie nicht unterbrochen werden.
Ihr seht, das ist ein schwieriges Thema, zu dem es sowohl viele Pro- Argumente, als auch viele gegen ein generelles Rauchverbot gibt. Aber es gibt auch ein paar Möglichkeiten, diese Problematik diplomatisch zu lösen. Ich denke, dass diese Debatte noch eine Weile weiter geführt wird, es aber zu keinem annehmbaren Ergebnis führen wird.
Wie seht Ihr das?